Auswahl von Seifenblasen
1997 Habe ich mit Graziano Spinosi elf Texten für die Radiosendung "Helviz" der schweizerischen Hörfunks geschrieben. Wöchentlich habe ich sie in den vier national Sprachen in der Rubrik "Seifenblase" gelesen. Hier eine Auswahl davon.
1. An die Kinder der Schweiz wegen Wahltag
Die heutige Seifenblase will ich für die Kinder aufsteigen lassen. Im allgemeinen - und ich weiss, wovon ich spreche, denn ich bin selbst Vater - sind wir schreckliche Nervensägen. Die Schikane beginnt bereits beim Frühstück, wenn nicht schon vorher, beim Aufstehen:
Es ist sieben Uhr.
Du musst aufstehen.
Zieh dich warm an, heut ist es kalt draussen.
Du kannst nicht in den Sandalen auf die Strasse, es regnet. Zieh Socken an.
Hast du den Znüni eingepackt? Magst du heute zwei Butterbrote? Du hast deine Milch nicht ausgetrunken. Trink und spül die Tasse aus.
Ich weiss doch nicht, wo du deinen Schulsack abgelegt hast. Und deine Mütze hast du auf dem Velo liegenlassen.?
Kurz, wir sind wie eine Bedienungsanleitung, ein Privatsender: Radio NONSTOP. Und ihr könnt es nicht mehr hören, genauso wie wir damals eure Grosseltern nicht mehr hören konnten, die uns jetzt von irgendwoher zuschauen und sich ins Fäustchen lachen.
Wir sind euer Autopilot, eure Selbststeuerung, die allerdings hin und wieder blockiert. Auch wir schweben gern mal über den Wolken und so vergessen wir manchmal höchst wichtige Termine. Wie gut es doch tut, mal wieder Kind zu sein, so richtig unbeschwert und gelangweilt in den Tag hineinzuleben, ohne jegliche Verpflichtungen. Darum bitte ich euch diese Woche um einen Gefallen. Spielt mal Vater und Mutter mit uns. Erinnert uns daran, dass nächsten Sonntag Wahlsonntag ist. Sagt es uns jeden Tag von Neuem, immer wieder, wie eine lästige Fliege: Zzzz Zzzzz Zzzzz. Fragt uns ständig: was musst du am Sonntag unbedingt tun? Hast du den graugrünen Umschlag schon abgeschickt? Zzzz Zzzzz Zzzzz.
Bitte, cari bambine e bambine...Nehmt einen gut gespitzten Farbstift zur Hand, und Tag für Tag, wie eine lästige Fliege: Zzzz Zzzzz Zzzzz - was musst du am Sonntag unbedingt tun? - Zzzz Zzzzz Zzzzz - DU MUSST WÄHLEN.
Ciao Zäme
2. An die Apothekern und Apothekerinnen der Schweiz
Diese Seifenblase möchte den Apothekern widmen. Für mich seid ihr die reinsten Zauberer. Wenn ich zu euch komme, fühle ich mich schwer, habe Fieber und Bauchschmerzen. Ihr empfängt mich mit einem Lächeln und einem Glas Wasser, das immer gut sichtbar bereit steht, und verabreicht mir ein Wundermittel. In Italien gleichen die Apotheken einem Slot machines-Saal: Alles ist automatisch, überall stehen sprechende Maschinen mit unzähligen Knöpfen, die in den verschiedensten Farben aufleuchten: die Körperwaage, der Bludruckmesser, der sprechende Fiebermesser. Umgeben von einer Duftwolke aus Parfüm und Nagellack wähnt man sich in Las Vegas und freut sich an den hübschen Verkäuferinnen in Mini-Jupe und Décolleté. In den Regalen unserer Schweizer Apotheken stehen hingegen Mörser, dunkelbraune Glasflaschen, von Hand beschriftete Flakons und Dosen mit Kräutern für Umschläge und Aufgüsse. Verkäuferinnen und Apotheker sind ernsthaft und schauen uns über die tief auf der Nase sitzende Brille streng an. Meistens befinden sie sich in der Hinterkammer, wo sie irgendwelche geheimnisvollen Mittelchen mischen. Sie sind ausnahmslos seriös und vermitteln mir den Eindruck, die Schachtel, die sie mir überreichen, enthalte eine Magie, ähnlich dem Zaubertrank von Miraculix, in dem Obelix aus Versehen baden geht oder den Asterix zu sich nimmt, bevor er den Römern im Kampf gegenüber tritt. Schnell geh ich nach Hause und kann es kaum erwarten, eine dieser schillernden Tabletten zu schlucken, die mich aus der offenen Schachtel anlachen. Sie tragen alle hochtrabende Namen: Lysphafen, Acetalgin, Barbamin, Hemerven, Heucarbon, Primofenac gran cru de Franc, Calmerfan, Klabin gegen Warzen, Zovirax, Nasivin, Patramicin, Euzeta, Nitroglicerin, Voltaren, Bepanten, pertussex, Zantic, Tramal, Ponstan, Neocitran, Fenistil, Trivaciclin, Otalgan. Ich muss an Batman, an Superman und an General Guisan denken. Ich öffne die Verpackung und finde ganz winzig kleine Briefe, in drei oder vier Sprachen verfasst. Immer noch besser als in Italien, wo alles in Latein geschrieben steht. Mein Apotheker ist wirklich gut. Obwohl er mich kaum kennt, hat er genau die richtige Schachtel für mich ausgewählt. Doch plötzlich entdecke, zwischen dem noch kleiner Geschriebenen, eine weniger angenehme Überraschung: Bei der Einnahme dieses Medikaments können leichte Nebenwirkungen auftreten: Dazu gehören Kopfschmerzen - die hab ich doch eigentlich schon - Benommenheit, Hautausschläge, Niedergeschlagenheit, Gelbsucht, Durchfall, Übelkeit?. Weiter steht da: Bei Auftreten einer der folgenden Störungen, muss sofort der Arzt aufgesucht werden: Zustand allgemeiner Verwirrung, Gelbfärbung der Haut, Hautausscheidungen, Magenschmerzen, dunkel verfärbter Stuhl, Neigung zum Zusammenbruch oder starke Gemütsschwankungen von depressiv bis euphorisch. Meine lieben Herren Apotheker...Wir kommen mit leeren Händen zu euch und ihr verabreicht uns euren Zaubertrank. Wie Heilige überreicht Ihr uns das Heilmittel, das uns wieder gesund machen soll.
Aber schreibt doch bitte ein wenig grösser und macht uns nicht allzu grosse Angst mit all den Nebenwirkungen. Am besten probiert ihr die Sachen zuerst selbst aus und schreibt dann einfach: Keine Angst, Achtung, Viel Glück!
3. an Romano Prodi President der E.U.
Heute möchte ich dem Chef des europäischen Parlaments, Romano Prodi eine Seifenblase schicken. Ich wollte, er könnte die EU dazu überreden, nicht zu warten, bis wir Schweizer Europa beitreten, sondern eine Möglichkeit zu finden, in Europa darüber abstimmen zu lassen, ob man die Schweiz, so wie sie ist, aufzunehmen bereit ist. Wir könnten eine entscheidende Rolle übernehmen oder Sitz eines Ministeriums werden. Das Freizeit-Ministerium, zum Beispiel. Im "Do-it-your-self" sind wir schliesslich die besten. Wir könnten ein europäisches Völkerkundemuseum eröffnen, in dem Europa so dargestellt wird, wie es einst war, als es aus Nationen bestand und verschiedene Währungen besass. Wir könnten zeigen, wie das Leben wäre, wenn die Züge pünktlich führen und die Steuern bezahlt würden. Wir könnten weiterhin Vacherin nach alter Tradition herstellen. Wir könnten Bankenturniere organisieren: Credit Suisse gegen die UBS, wer gewinnt, fusioniert. Vorgabe: alle Sparhefte müssen abgegeben werden. Die Mannschaften: Credit Suisse gegen die Sparkasse Domodossola. Die Spar- und Leihkasse Bern gegen den Banco Ambrosiano. Le Credit Lyonnais gegen den Bankverein. Und dann die Natur. Bei uns leben Tiere, die sonst nirgendwo in Europa mehr zu finden sind: die Kuh und der Cervelat.
Herr Präsident: Sie sollten aus der Schweiz eine Art europäischen Naturpark machen, mit Lebewesen und Lebensformen, die es in Europa nicht mehr gibt. Ein Europäisches Natursozial-geschichtliches Museum.
4. an die Jodlern und Jodlerinnen
Ich möchte die heutige Seifenblase den Jodlerinnen und Jodlern widmen. Ihr Gesang fasziniert mich. Er ist anders als alle anderen Gesänge. In der Oper versteht man meistens kein Wort. Ihr seid der reine Gesang, bestehend aus Klängen und Vokalen. A E I O U. Tiere äussern sich in Konsonanten, ihr aber steigt viel höher hinauf. A E I O U. Das ist reiner Jazz. Ein Gläschen Weisswein, ein Stück Speck, und schon seid ihr eingestimmt. A E I O U, eine Universalsprache. Von Tal zu Tal, von Meer zu Meer, seid Ihr die Sirenen der Berge. Wie gerne würde ich auch so singen können wie Ihr. Ich hab?s versucht, ich habe Schuhe, Hemd und Hosen gekauft, sogar Hosenträger. Es hat alles nichts genützt. Ich kam an euer Jodlerfest im Juli, in der Hoffnung, dort hinter das Geheimnis eurer Geschicklichkeit zu kommen. Ich habe euch beim Singen genau beobachtet, damit ich von euch lernen könnte. Sagt mir doch, was versteckt ihr in euren Hosentaschen? Was ist es, das ihr Sängerinnen und Sänger so fest in euren geballten Fäusten verschlossen hält? Seid doch so gut und verratet uns euer Geheimnis.
5. an die Nachbarn
Heute schicke ich eine Seifenblase an meine Nachbarn und an alle Nachbarn der Nachbarn.
An die Nachbarn, die uns vor Einbrechern schützen
An die Nachbarn, die uns beim Nackt-Sonnenbaden beobachten oder neugierig rüberschauen, wenn wir nachts Liebe machen, weil sie komische Geräusche hören.
An die Nachbarn, die die Polizei holen, wenn andere singen, lachen oder tanzen.
An die Nachbarn, die Kinder lieben, solange sie nicht spielen oder rumspringen.
An die Nachbarn, die die Polizei rufen, weil wir nach dem Schweizer Goal ?Goal? geschrien haben.
An all diese Nachbarn - nah und fern - sende ich die heutige Seifenblase. Ich entschuldige mich, sie haben eecht. Es ist besser, wenn wir weg gehen. Wär's aber nacher nicht slimmer wenn sie Ihre Stille hören mussen. Ihre tille die so lärmig ist.. liebe nach und nebenbaren, ist unser Lärm oder Ere Stille die so laut ist?
und Euch den Lärm euren Stille lassen. Sie wurde bestimmt auch die Polizei anrufen und sagen, dass sie Ihre Stille Stellt euch vor, wie viel lärmiger unser Schweigen wäre, und stellt euch vor, wie viel Stille wir uns später zusammen anhören müssten...per omnia secula et seculorum.
6. Die Vignette
Meine heutige Seifenblase geht an Bundesrat Moritz Leuenberger. Wenn der November langsam zu Ende geht, nähert sich für mich die mühsamste Zeit des Jahres. Jede Schweizerin und jeder Schweizer, die ein Auto fahren, müssen ihre Windschutzscheibe mit einer neuen Autobahnvignette versehen. Da kommt keiner drum herum. Und es wäre auch schnellstens erledigt, würde ich die neue Vignette ganz einfach neben die alte kleben. Aber das bringe ich nicht übers Herz: ich muss die alte einfach wegwerfen. Sammlungen jeglicher Art sind mir ein Greuel. So kaufe ich die neue Vignette und schiebe das Aufkleben Tag für Tag hinaus, bis zum letzten. Sie ist wie eine Blume, die Autobahnvignette, die jedes Jahr in neuen Farben erblüht. In Italien ist sie bereits zu einem Statussymbol geworden und wird mit Stolz auf der Windschutzscheibe zur Schau gefahren. Auch in der Schweiz gibt es Automobilisten, die vor lauter Vignetten kaum mehr durch die Scheibe sehen. Sie benutzen Sie als Schutzschild gegen die Blitzaufnahmen bei einer Geschwindigkeitüberschreitung. Werden sie erwischt, sagen Sie ganz einfach: das ist ein anderer. Ich hingegen habe eine miserable Beziehung zur Vignette. Da ich es nicht ertrage, pro Jahr mehr als eine vor Augen zu haben, muss ich die alte jeweils entfernen. Zum Glück bin ich nicht der einzige, weshalb ich den "Schweizerischen Verband der Autobahnvignetten-Abkratzer und Abkratzerinnen" gegründet habe. Wir treffen uns am letzten Samstag vor dem Verfalldatum für das Aufkleben der neuen Vignette und bauen ein Demontage-Band auf. Als ich noch allein war, machte ich mich jeweils mit Schraubenzieher, Föhn, Nagellackentferner, Schmirgelpapier, Alkohol, Fleckenwasser und Petrol auf in die Garage. Heute sind wir soweit, dass wir die ganze Operation in wenigen Stunden schaffen.
Die Vignette - so einfach aufzukleben, lässt sich nicht mehr entfernen, denn kaum fasst man sie an, dehnt sie sich aus, zerfällt in tausend Stücke und ist sogleich völlig wertlos. Herr Leuenberger...Was ist das für ein Leim, den Sie da auf die Vignette streichen lassen? Könnten Sie keinen zivilisierteren Leim anwenden? Oder die Vignette so konzipieren, dass sie nach Verfall ganz einfach platzt und sich in Luft auflöst. Wie diese Seifenblase, die ich Ihnen hochachtungsvoll zuschicke.
Anmerkung: Massimo Rocchi, 2001


