Der Koffer, eine Welt
Unterwegs sein ? Ohne Koffer ist es uns unmöglich.
Natürlich ist ein Koffer unterwegs nötig, aber ist er nicht auch eine Sicherheit wie das Stofftier fürs Kind? Ist er unsere erste Sicherheit? Interessanterweise packen weder ein Vogel noch ein Gnu vor dem Abreisen. Im Gegensatz zu uns schleppen die Tiere nichts mit. Sogar die Schnecken, deren Häuschen eher eine Haut ist, reisen ohne Gepäck. Es gibt auch Ausnahmen. Ich habe gemerkt, dass die Arme und Hände einer schwangeren Frau oder die eines verliebten Paars entspannter und leerer sind als sonst. Vielleicht wollen sie eher berühren als fassen, wer weiss?
Warum brauchen wir immer ein kleines Alles dabei zu haben? Sicherlich hat reisen viel mit Ungewissheit zu tun. Die neue Geografie und das Fremde einer Sprache machen viel aus, obwohl Bekannte von mir genau das reizend finden.
Ob dafür oder dagegen, wenn wir abreisen, sind wir alle mit dem selben Problem konfrontiert: Den Koffer zu packen. Für mich ist das eigentlich der schwierigste Teil meines ganzen Reisens. Ich bin praktisch mit dem Koffer auf die Welt gekommen. Da meine Mutter aus dem Norden kommt und mein Vater aus dem Süden, war ich immer unterwegs. Meine Kindheit hat für mich den Geruch von zweiter Zugklasse in Italien. Ich erinnere mich sehr gut an diese Zugabteile, die mit Koffern, Taschen, Schachteln und sonstigem Gepäck vollgestopft waren. Die Abteile wirkten in meinen Augen wie Legowände. An jeder Station war die selbe Szene: Zuerst flogen die Koffer wie in Cowboy-Filmen durch das Fenster hinein, und erst später erschienen die Reisenden im Waggon. Ich hatte mir immer ein Spiel daraus gemacht, mir vorzustellen, wie das Gesicht des Besitzers der Reisetasche aussah: Ist es eine sie oder ein er? Parfümiert? Ist sie nett? Steckt er sich die Finger in die Nase? Kriege ich Süssigkeiten? Die Damen mit roten Fingernägeln habe ich immer gefürchtet, weil sie meistens kleine Koffer hatten, die sie immer auf den Boden zwischen meine Beine oder auf meinen Schoss gestellt haben: «Es stört dich nicht, nicht wahr? Ma che bravo bambino!». So lernte ich den Koffer hassen. Meine Mutter erzählt immer dieselbe Geschichte: Dass ich nach zehn Tagen in einem Sommer-Campus nach Hause gekommen bin, ohne den Koffer geöffnet zu haben.
Auf den Koffer kann ich aber nicht verzichten, ja ich brauche ihn. Er ist «croce e delizia» für mich. Da ich nicht einmal ohne Gepäck ins Kino gehen kann, wird eine Theater-Tournee zum Umzug. Ich beginne eine Woche im voraus, meinen Koffer zu packen, und zwar in meinen Kopf. Wie Noah mit den Tieren, so sammle ich meine Sachen zum Mitnehmen. Zuerst packe ich Schuhe ein ? zwei bis drei Paare ? dann kommen in der Rangliste Socken, Unterhosen, Hemden, Pullover, Hose und Regenmantel. Übrigens... alles ist doppelt, weil ich Alltag und Bühne immer trennen will. Mit dem selben Kostüm kann ich unmöglich spielen und in die Kneipe gehen. In Rom habe ich einen Komiker kennen gelernt, der zwei gleiche Sakkos hatte: einen für die Sendung, und den zweiten, genau den selben, für das Leben. Ich fragte mich immer, ob er sie unterscheiden kann. Bei mir ist es einfach: dunkel heisst Bühne, bunt leben.
Mein Koffer gleicht eben einem Bilderbuch, das ich öffnen und sofort die Lesemarken finden kann: Links Bühnensachen, rechts Lebensartikel. Aber um den Koffer vorzubereiten, was für ein Abenteuer. Hin und her gehe ich in meinem Schlafzimmer wie ein Marathon-Athlet; ich trage ein Hemd zum Koffer und komme mit einem Pullover zum Kleiderschrank zurück, weil die Frage ist: Was werde ich nicht mitnehmen?
Ich komme mir vor wie Penelope, die Frau von Odysseus, die das Betttuch tagsüber webte und in der Nacht auflöste. Das ist aber noch nicht alles: Reisekleider sind nicht das Dilemma, sondern die Bücher (nota bene: ich lese mit Spass Wörterbücher), die Seife, Shampoos, ein Messer, die Reiswaffeln für die Theaterpause und Dulcis in Fundus kommt der Nachtisch, der Kabelsalat, um meinen Laptop (3,5 kg), das Handy und den Rasierapparat unterwegs füttern zu können. Ja, ich bin auch ein Homo Tamagotchicus.
Bis wenige Minuten vor meiner Abreise liegt mein Koffer offen. Er schaut mich an, Mund auf wie ein kleiner Vogel im Frühlingsnest, und wartet ? lächelnd ? auf mein «Finale Furioso»: Mit einem kurzen Anlauf springe ich wie ein Samurai auf ihn. So ist er endlich zu, und ich fertig. Wenn ich gehe rollt er neben mir. Am Bahnsteig warte ich auf meinen Zug und beobachte die Koffer der Leute um mich herum. Sie gleichen ihren Begleitern, wie ein Hund dem Besitzer. Während der Einfahrt des Zuges kriege ich plötzlich einen Lümmel-Wunsch. Wie wärs jetzt, wenn alle Koffer gleichzeitig aufgingen? Sind wir immer so sicher, dass unsere Koffer reisen wollen? Und mit uns?
Anmerkung: Massimo Rocchi, Galenica, Spot Nr. 66, 2001


