Fasnacht ist das schwierigste Fest, das es gibt.
Warum? Fasnacht hängt nicht von der Organisation ab, sondern von der Fantasie, vom spontanen Mitspiel und von unserer Lust . Es gibt weder Schiedsrichter noch Preise: nur die eigene Motivation gilt und das Gehirn rutscht in den Bauch.. danach fängt die Fastenzeit Zeit an.
In Bern wird die Altstadt für Autos gesperrt
und ich komme mir lächerlich in Krawatte oder Anzug: Jeder Mensch wird
zum SchneiderIn, MaskenbildnerIn oder sogar ArchitektenIn seiner neuen
Haut. Der Haupt-Couturier der Fasnacht war der Teufel meinte der
Vatikan ? nur noch damals? - und wenn auch Berns Lauben nicht zu Dante
Alighieris Inferno? werden, so ist doch Bern vom Zytglogge bis Nydegg
während der Fasnacht eine freie Bühne...für alle eintrittfrei. Es
braucht wenig, beißt man nur auf des Sohns Nuggi und schon gehört man
dazu.
Mein Fasnachts-Verkleidungstraum ist immer gewesen,
den Blinden zu spielen. Zu sehen, wie die Anderen mich sehen, ohne
ihnen das Gefühl zu geben, dass ich sehe, wie sie mich sehen. Besser
als unsichtbar zu werden. Was könnte ich damit machen? Ich könnte alles
und alle berühren. Ich würde überhall toleriert und mir würde geholfen.
Ich würde den Verkehr anhalten. Es würde mir gefallen, am Samstag sehr
schnell über den Münstergassmärit zu laufen; mit einem weißen Stock,
der links und rechts alle antippt; und könnte ich nur unseren
Stadtpräsidenten treffen, dann würde ich ihm den Hosengurt stehlen, um
zu sehen, wie ein blonde Bär in Unterhose noch lachen kann.
Selbstverständlich immer Entschuldigung.. Entschuldigung.. ich habe das
nicht extra gemacht - aber doch nur absichtlich.
Karneval
ist halt so. Das Wort bedeutet: CARNE VALE...es gilt das Fleisch. Der
Bauch und der Instinkt, eher als die Pflicht und die Verantwortung
sollten gelten. In Brasilien geht's bis zum Tod, in Basel fängt das
Fest im Dunkeln an, in Catalunien übergibt der Bürgermeister die
Schlüssel der Stadt für eine Woche dem Karnevalskönig, in Venedig wird
es ein Modefest, in Viareggio baut man riesige Papierstatuen mit den
Gesichtern der Minister, die leider - die Statuen - oft ernster
aussehen, als die Echten. Es gibt Länder, deren Regierung dieses Fest
nicht erlaubt, da Karneval unberechenbar ist. Man muss sich vorstellen,
welche Bedeutung es hat, sich schminken zu können oder maskiert leben
zu dürfen. Die Identität verschwindet und ein Passbild entspricht nicht
mehr dem offiziellen Foto. Wie wäre es, mit einer Posaune ins Büro zu
gehen, und dem Chef damit zu antworten. Oder wir würden Christoph
Blocher sehen, wie er in einem Anzug aus neuen Euroscheinen und mit
schwarzer Brille Born in the E.U.? singt.
Bern ist bereit,
Sie alle zu empfangen. Es kann beginnen, das Spiel des Festes, das
älter ist, als die Arbeit. Übrigens...Sie werden erwartet.
Anmerkung: Massimo Rocchi


