Die Basler wollen gar nicht so viele Touristen(Basler Zeitung, 31.07.2009)

Er ist Schweizer und Italiener und lebt seit sechs Jahren in Basel. Der Komiker Massimo Rocchi (52) beschäftigt sich gerne mit nationalen und lokalen Eigenheiten. Heimatgefühle. Der Komiker Massimo Rocchi ist stolz auf seinen roten Schweizer Pass.

BaZ: Massimo Rocchi, Sie treten morgen Abend auf dem Kulturfloss auf. Damit sind Sie so etwas wie der inoffizielle 1.-August-Redner von Basel.

Massimo Rocchi: Das ist mir so nicht bewusst. Ich selbst erlebe die Bundesfeier heute Abend und den 1. August in Basel auch das erste Mal, weil ich sonst immer weg war. Aber ich habe gehört, es sei sehr schön, und ich freue mich darauf. Dass die Feier schon am 31. Juli und damit einen Tag früher als anderswo stattfindet, zeigt mir, dass die Basler noch mehr Schweizer sind als die anderen, weil sie ihren Nationalfeiertag länger begehen wollen.
 

Wenn Sie nun eine 1.-August- Ansprache halten müssten: Worüber würden Sie reden?

Ich würde sagen, dass es an der Zeit wäre, dass Basel endlich wieder einen Bundesrat bekommt. Aber ich weiss gar nicht, ob die Basler lieber einen FCB-Stürmer oder einen Bundesrat wollen.


Und an die Adresse der ganzen Schweiz?

Der Schweiz als Nation würde ich raten, den Kopf hochzuhalten, mehr zu lächeln und weniger Angst zu haben.

 
Sie haben den Schweizer Pass und den italienischen Pass. Fühlen Sie sich mehr als Schweizer oder als Italiener?

Mit meiner Italianità ist es so wie mit einem schönen Hemd, das man nicht mehr tragen kann, weil es zu eng ist. Ich bin in Italien geboren, aber ich lebe in der Schweiz und die Gegenwart ist für mich immer wichtiger als die Vergangenheit. Ich fühle mich deshalb als Schweizer und bin hier sehr glücklich.


Was gefällt Ihnen denn an der Schweiz?

Wenn ich in der Schweiz auftrete, habe ich in jedem Kanton Premiere, denn die Mentalitäten sind auf kleinstem Raum sehr verschieden. Die Schweiz ist wie ein Korallenriff, in dem man immer was Neues entdeckt. Zudem hat die Schweiz feste Werte: In der Schweiz ist das Wort ein Vertrag – in Italien ist es nur eine Hoffnung.
 

Und was stört Sie an der Schweiz?

Leider sind Schweizer oft nicht zufrieden und meinen immer: «Es chönt no besser sy.» Ich nerve mich über mich selber, wenn ich merke, wie stark ich selber ein nörgelnder Schweizer geworden bin, beispielsweise, wenn ich in Italien darüber Klage, dass der Zug Verspätung hat.
 

Sie haben Basel als Ihren Wohnort gewählt. Weshalb?

Seit 2003 lebe ich in Basel und habe schnell gemerkt, dass sie anders als jede andere Schweizer Stadt ist. Es gibt hier einen gesellschaftlichen Kalender mit Vogel Gryff, Fasnacht und den Bummelsonntagen. Ein Kind in Basel lernt nicht nur sprechen, sondern auch reimen, trommeln und pfeifen. Das Wort «Druggede» gibt es nur in Basel. Das zeigt auch eine Zusammengehörigkeit, wie es sie in anderen Städten nicht gibt.
 

Sie tönen ja sehr begeistert von Basel.

Ich lebe sehr gerne in Basel. Hier spreche ich viel Italienisch, die Leute sind offen. Und man kann sich spontan verabreden, um etwas zusammen zu unternehmen. Dann werde ich in Basel an meine Kindheit erinnert: Bei einem FCB-Match gehen die Leute ein, zwei Stunden vor Anpfiff zu Fuss ins Stadion, um diese Atmosphäre zu geniessen. Wie die Stadt die Mannschaft erlebt und unterstützt, ist einzigartig. Als Kind bin ich ebenfalls mit meinem Grossvater am Sonntag zum Fussball gegangen.
 

Und in einer anderen Stadt zu leben, haben Sie nicht in Erwägung gezogen?

Vor zwei Jahren habe ich mir überlegt, nach Zürich zu gehen. Doch dann bin ich mit der Vespa durch die Strassen gefahren und ein Gemüsehändler hat mich erkannt und gerufen: «Ciao, Massimo» – da wusste ich, dass Basel meine Stadt ist.
 

Basel ist frustriert, weil es in der Rangliste der schönsten Schweizer Städte ganz hinten liegt. Wie erklären Sie sich dieses Ergebnis?

Ich glaube nicht, dass die Basler enttäuscht sind, denn sie wollen gar nicht so viele Touristen. Sie machen deshalb auch keine grosse Werbung für sich, weil sie zufrieden sind mit den Leuten, die kommen. Wer weiss, wie schön Basel ist – gut. Wer es nicht weiss – auch gut, irgendwann wird er es schon noch merken. Das ist die Mentalität hier. Der Tourist in Basel soll auf dem Weg in den Süden eine Nacht hier bleiben, das genügt. Basel will sich nicht verbrauchen, indem alle Welt hierherkommt. Die Stadt Basel ist ja schon voll, wieso soll sie noch voller werden?


Von Raphael Suter, Basler Zeitung, 31.07.2009

www.massimorocchi.ch

© copyright 2012 by Massimo Rocchi GmbH
design & programmierung: www.mediapool.de