"Ich bin im besten Falle Sozialunterhalter"(Baltz Aliesch, Basel, 10.02.2005)
Völlig begeistert verlasse ich das Basler Tabourettli, wo ich soeben Massimo Rocchi in seinem neuen Programm "Circo Massimo" gesehen habe. Kaum zu Hause angekommen, sende ich ihm ein E-Mail, das er gleich am nächsten Morgen beantwortet. "Warum nicht!?", meint er auf meine Anfrage für ein Interview. Er fügt seine Natelnummer dazu, damit ich ihn anrufe und einen Termin vereinbare. Am 10.2.2005 kommt dieser zustande. Ich habe in der Pause seines Auftritts 15 Minuten Zeit, ihm ein paar Fragen zu stellen, die er alle ruhig und gewissenhaft beantwortet. Zum Schluss lädt er meinen Fotografen Ruben und mich ein, den zweiten Teil seines Auftritts aus den Publikumsrängen mit zu verfolgen. Ein Interview mit einem Entertainer der besonderen Art.
Schreibst du jeweils ein Script deiner Programme, das du auswändig lernst?
Rocchi:
Ja, genau. Ich beginne so: Zuerst wähle ich ein Thema – bei „Circo
Massimo“ ist es „Schweiz Europa – Europa Schweiz“. Dann sammle ich
Informationen zum Thema. Diese beschaffe ich mir aus Büchern und aus
dem Internet. Danach höre ich zu; lese aktuelle Zeitungen, schaue TV
oder konsultiere den Teletext und schaue, ob sich aktuelle Ereignisse
zu meinem Thema finden. Dies braucht natürlich Zeit. Alleine für „Circo
Massimo“ brauchte ich drei bis vier Jahre Vorbereitungszeit, bis ich
genau wusste, was ich machen wollte. Das Schreiben des Scripts an sich
ist nur ein kleiner Teil.
Wie gross ist deine Improvisationsfreiheit während einem Auftritt?
Rocchi:
Man kann einen Auftritt wie einen Wanderweg beschreiben, wo man
vielleicht an einem Abend unter einem Baum länger „schläft“ oder aber
merkt, dass der Weg plötzlich rutschig wird und man rascher auf das
nächste Sujet zulaufen muss. Ich habe also Spielräume, aber
Improvisation und Interaktion mit dem Publikum mache ich nur, wenn ich
nicht müde bin, da dies enorm schwierig ist und man keinesfalls
aggressiv werden darf.
Wie weisst du, wann das Publikum lacht und wann nicht?
Rocchi:
Das weiss man nie im Voraus. Gefährlich wird’s dann, wenn das Publikum
am Anfang zuviel lacht, da Lachen ermüdet. Man darf keinesfalls die
Pointe suchen und sich sagen: „Heute werde ich alle zum Lachen
bringen“. Ich gehe nie auf die Bühne, um das Publikum zum Lachen zu
bringen.
Was sind deiner Meinung nach deine Stärken im Bezug auf das Kabarett?
(lange Pause). Rocchi: Wenn
ich eine gute Vorstellung dargeboten habe, sage ich mir: „Du hast heute
nicht gespielt – du bist gewesen“. Dafür muss man hören können. Ich
glaube, ich kann der Schweiz zuhören. Ich habe ein Gespür, welches mir
hilft. Ich weiss, was in der Schweiz passiert. Aber ein grosser Teil
meiner Stärke habe ich nicht selber entwickelt – die kam von der
Genetik. Es braucht eine Berufung, die alleine allerdings nicht
ausreicht. Techniken und Schulung sind unumgänglich.
Gibt es Grenzen, die du mit deinem Humor nicht überschreiten würdest?
Rocchi:
Themen, über die du dich nicht lustig machst? Nein, es gibt kein
Tabuthema. Mein Ziel ist es, dass auch Christoph Blocher lacht, wenn er
mein Programm sieht. Dann ist es authentisch. Natürlich muss man
aufpassen mit Themen wie beispielsweise der Tsunami-Katastrophe, über
die eine Pointe heute unmöglich zu sein scheint. Aber mit der richtigen
Idee könnte es sie morgen schon geben. Es geht darum, Angst von einem
Thema wegzunehmen, worin ich auch die Aufgabe des Komikers sehe. Und
diese Angst ist momentan noch zu gross. Und vor allem kann man mit dem
Tod nicht scherzen. Doch! Man kann mit dem Tod scherzen, doch es ist
noch nicht eine meiner Fähigkeiten. Aber was nicht ist, kann ja noch
werden. Der Tod ist wahrscheinlich Thema meines nächsten Stücks.
Wirklich?
Rocchi: Vielleicht.
Welche Eigenschaften braucht es deiner Meinung nach, um Kabarettist zu werden?
Rocchi: Ich
muss dir ganz ehrlich sagen: Ich bin – so glaube ich – kein
Kabarettist. Ein Kabarettist ist jemand, der besser Deutsch spricht als
ich. Er ist jemand, der politischer ist und besser philosophieren kann.
Ich bin im besten Falle ein Sozialunterhalter. ...ein Sozialunterhalter
allerdings, der an den renommiertesten Häusern der Schweiz und in
Deutschland auftritt... Ja, weil heutzutage das Kabarett zur Comedy
geworden ist. Und wenn ich in wichtigen Häusern auftreten darf, heisst
dies, dass meine Arbeit auch Publikum hat. Das Publikum ist
Thermometer, ist Fieber der Sympathie eines Komikers.
Ich
werde im Rahmen meiner Maturarbeit ein kleines Kabarettstück schreiben.
Hast du mir ein paar Tipps, wie man da am besten vorgeht?
Rocchi:
Vertraue dir selber. Lass dich von nichts und niemandem überreden. Sei
ehrlich. Denke nicht: „Ich will lustig sein“. Denke: „Ich will ehrlich
sein“. Komik ist kein Witz. Es gibt einen Unterschied zwischen der
Komik und dem Witz: Beim Witz lacht man gemeinsam über etwas oder
jemanden – der Komiker jedoch steht immer alleine auf der Bühne. Sei
von deinen Gedanken überzeugt. Du musst nicht nur sprechen, sondern vor
allem denken, was du sagst. Wähle Themen, die nicht nur für dich,
sondern auch für deine Zuschauer wichtig sind, z.B. Socken. Jeder
Mensch in Europa hat schon einmal Socken angehabt. Jeder Mensch hat
schon mal Angst gehabt. Angst vor einer Prüfung, Angst vor dem ersten
Kuss. Dies sind Themen, die uns verbinden. Und alles langsam angehen!
Spüre das Publikum. Schaue die Augen des Publikums an. Du sprichst mit
Leuten, nicht mit einem Mikrofon. Ein Mikrofon reagiert nicht. Aber
wenn ich mit dir spreche, und eine Pause mache, ist dies etwas ganz
anderes. Das ist der Schlüssel der Bühne – für mich.
Was macht dir denn am meisten Spass an deinem Beruf?
Rocchi:
Dass ich ihn immer noch liebe. Ich könnte in keinem anderen Beruf
arbeiten. Mein Beruf hat mir meine Identität, Sicherheit, Respekt und
Einkommen gegeben. Momentan bin ich sehr glücklich, da ich nach einem
langen privaten und beruflichen Weg zu den Themen der Ängste
vorgestossen bin. Ich kann über Themen sprechen, die früher schwierig
für mich waren. In den meisten deutschsprachigen Kantonen hat man Angst
vor der Angst. Es gibt Themen, worüber man besser nicht spricht. Mein
Wunsch wäre es, überall über alles sprechen zu können – mit Humor.
Du wohnst unter anderem auch in Basel. Geht für dich mit dieser Stadt dieser Wunsch in Erfüllung?
Rocchi: Ich
liebe Bern, wo ich lange gelebt habe. Ohne meinen Aufenthalt in Bern
hätte ich mir nie einen Überblick über Europa und die Welt verschaffen
können. Die Ecke, das „Dörfli“ spielt für mich eine sehr grosse Rolle.
Aber was ich in Basel als einzige Stadt in der Schweiz gesehen habe,
ist Folgendes: Hier gibt’s eine Industrie. Es kann einen Unfall geben,
und dann wird’s gefährlich. Wenn in Bern die Toblerone in die Luft
fliegt, stinkt zwar die Stadt, aber viel mehr geschieht nicht. Der
Fluss ist in Basel sehr breit; es gibt Schiffe darauf. Hier gibt’s
Geld, das auch ausgegeben wird. Der Basler ist mit zwei Geldbeuteln
unterwegs – Euro und Schweizer Franken. Wenn man einen Spaziergang
macht, ist man plötzlich im Ausland. Es ist eine Stadt, die sich
vereinen kann, das Ego des Einzelnen vergessend, wie bei der Fasnacht,
Vogel Gryff oder Fussball. Die Stadt ist um zehn Uhr abends voll –
andere Städte sind um diese Zeit tot. Die Menschen hier sind entspannt.
Du bekommst Hilfe, sofern du nicht gleich mit einem Messer auf den
anderen losgehst. Aber das Grösste ist, wenn am Samstagabend alle
zusammen „Tor“ schreien – 40'000 Leute. Dies verbindet sie. Das gefällt
mir sehr.
Du bist in Italien aufgewachsen, bist aber
Doppelbürger und lebst seit über 20 Jahren in der Schweiz. Wo fühlst du
dich mehr zu Hause?
Rocchi: Ich
würde sagen, ich bin ein Italiener ohne Heimat und ein europäischer
Schweizer mit einem Mutterland. Ehrlich gesagt fühle ich mich mehr als
Europäer – allerdings mit Gewohnheiten, auf die ich niemals verzichten
werde. Gewohnheiten, die ich z.B. von den Schweizern gelernt habe. Ich
lebe ja auch noch in München und in Italien und bleibe nie lange an
einem Ort. Aber wenn ich in der Schweiz bin, macht meine Antenne
„bsssssss“, das heisst, ich empfange hier sehr Vieles. Ich mag es sehr,
hier zu sein.
Wie sieht sich Massimo Rocchi in 20 Jahren?
Rocchi:
Lebt Massimo Rocchi noch in 20 Jahren? Versuchen wir doch, uns in 20
Jahren wieder zu treffen. Ich hoffe sehr, euch dann zu sehen – lebendig.
Massimo, ich danke dir herzlich für das interessante Interview und wünsche dir alles Gute!
Anmerkung: INTERVIEW: Baltz Aliesch, Basel, 10.Februar 2005


