Wir sind lustig(DIE ZEIT, 19.11.2009)
Der Kabarettist Massimo Rocchi über das Verhältniss zwischen Italien und der Schweiz - und warum er zum Patrioten wurde.
DIE ZEIT: Herr Rocchi, wie erklären Sie sich als selbst ernannter Fußballexperte den Weltmeistertitel der Schweizer Junioren?
Massimo Rocchi: Hier spielte die Schweiz der Zukunft. Sie spielte zusammen, sie war aus einem Guss – und die beiden besten Spieler sind Muslime. Dank dieser Engel ist die Minarett-Initiative endgültig erledigt. Nur einer missfiel mir an diesem afrikanischen Abend: Fifa-Präsident Sepp Blatter. Er passte nicht ins Bild. Aber jedes Land braucht seinen Papst.
ZEIT: Mir scheint, dieser Sieg ist auch ein Schock fürs Land.
Rocchi: Bingo! Nach der Wunde von Marignano 1515 sind wir solche Siege nicht mehr gewohnt. Wir müssen das erst verdauen, bevor wir es begreifen können. Aber wir könnten glücklich sein. Bloß, als »selbst ernannter Fußballexperte« muss ich auch sagen: Das Spiel war ein bisschen wie Handball und ganz ohne Taktik. In der U 21 kann man nicht mehr so spielen. Was mich aber am meisten berührt hat, war dieses Feuerwerk, das gegen Ende des Spiels losging. Die Nigerianer haben mit uns 1. August gefeiert! Es haben nur die Cervelats gefehlt. Ja, ich habe mich gefreut.
ZEIT: Die Schweizer freuen sich momentan weniger über Italien. Man hat Schweizer Banken in Italien durchsucht, die italienischen Grenzbeamten sollen per Kamera jedes Nummernschild registrieren und Geheimpolizisten als Japaner verkleidet im Tessin operieren. Ich frage Sie als Doppelbürger: Was soll die Schweiz tun?
Rocchi: Ich würde da ganz ruhig bleiben und mich auf die Tatsachen berufen. Italien empfindet gegenüber der Schweiz eine ewige Liebe. Und gleichzeitig ist die Lieblingssprache der Schweizer Italienisch, nicht Englisch. Aber Italien ist widersprüchlich. Zum einen wählten die Italiener dreimal hintereinander einen Menschen zum Führer, der sich selbst die Gesetze schreibt. Und die Züge fahren in Italien jetzt pünktlich ab, aber sie kommen nie pünktlich an. Und die Italiener sind wütend, weil sie die pünktlichen Züge verpassen.
ZEIT: Wie Sie in Ihrem neuen Programm sagen: »Die Welt ist Kopf«.
Rocchi: Man versteht Italien nicht mehr, ich auch nicht. Vor einem Jahr verteidigte Silvio Berlusconi bei der G 20 unser Schweizer Bankgeheimnis gegen die Angriffe der andern. Jetzt aber scheint sein Thronfolger, Finanzminister Giulio Tremonti, ein ehemaliger Steuerberater, eine Bekehrung erfahren zu haben. Das ist doch alles sehr komisch.
ZEIT: Gut. Aber was soll die Schweiz jetzt tun?
Rocchi: Sie muss anfangen, Schach zu spielen, mit den weißen Figuren. Herr Steinbrück ist der wohl beste Kopf der deutschen SPD, er hat uns mit seinen humorvollen Bemerkungen eine große Chance gegeben: Wir existieren! Wir sind ein Thema! Steinbrück hat uns die Chance gegeben, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Das alles ist nicht tragisch, das ist wunderbar. Aber es gibt zu tun.
ZEIT: Treffen mit Italien und der Schweiz zwei verunsicherte Länder aufeinander?
Rocchi: Die ganze Welt ist verunsichert. Italien hat einen Vorteil: Verunsicherung ist sein ständiger Zustand. Die Schweiz aber hat einen noch größeren Vorteil: Sie kann kaltes Blut bewahren, sie kann warten wie ein Fischer, sie hat das Geld. Sie hat alle Trümpfe.
ZEIT: Kann die Schweiz auch warten, weil Italien der Welt nichts mehr zu sagen hat?
Rocchi: Jetzt werde ich Kunden verlieren, aber in Sachen Kultur ist Italien tot. Was exportiert Italien? Michelle Hunziker, eine Schweizerin. Italien ist ein Land voller Theater, bewohnt von Mäusen. Massimo Fini ist heute der beste Politiker Italiens, dieser geistige Sohn eines Faschisten. Während Italien brennt, diskutiert die Opposition das Sexualleben des Premiers. Sogar im Fußball haben wir eine Krise. Kann man so ein Land noch ernst nehmen. Was aber tut die Schweiz? Sie diskutiert die Minarett-Initiative, während ihre U-17-Nationalmannschaft Weltmeister wird mit Spielern, deren Namen nicht aus Altdorf stammen. Es gibt eine De-jure-Schweiz und eine De-facto-Schweiz. Jeder Ausländer, der Schweizer wird, bringt die Idee der Schweiz weiter: Belohnung nach der Arbeit, sich anstrengen, nichts kaputt machen.
ZEIT: Sie sprechen von sich.
Rocchi: Auch weil ich jetzt Schweizer bin! Wenn ich eine Woche in Italien bin, sage ich: »Ich fahre zurück.« Ich liebe die Schweiz. Hier hat das Publikum auf mich gewartet.
ZEIT: Wissen Sie, warum Sie in der Schweiz erfolgreich sind?
Rocchi: Nein.
ZEIT: Doch. Sie haben eine Marktlücke gefüllt.
Rocchi: Welche?
ZEIT: Sie geben den Schweizern ein Gefühl von Stolz zurück. Sie sagen: »Mir si andersch.«
Rocchi: Ich hoffe, es ist eher ein Gefühl von Glück, das ich meinem Publikum gebe. Stolz kann auch eine Krankheit sein. Die SVP benutzt gerne dieses Wort. Es wird oft falsch verwendet.
ZEIT: Gut. Sie geben den Schweizern also eine Idee von sich selbst zurück.
Rocchi: Und das mache ich gerne! Ich bin diesem Land dankbar. Ich kam 1983 von Paris aus in die Schweiz, mit einem wertlosen Diplom von Marcel Marceau. Pantomime hatte damals etwa so ein Image wie Ergotherapie. Ich habe zwei Gesuche geschickt. Nach Bologna, wo ich 300 Vorstellungen in zweieinhalb Jahren gemacht hatte. Und eins nach Bern. Ich war ein Niemand, aber ich bekam 10.000 Franken von Bern. Auf die negative Antwort aus Italien warte ich noch heute. Die Schweiz spürt mich. Dieses Land hat einen Balkon auf die Welt. Es muss fertig sein mit dem Bild des Schweizers, der den ganzen Tag auf dem Postamt Briefe stempelt.
ZEIT: Eben, Sie vermitteln ein neues Schweizbild.
Rocchi: Wenn Sie so wollen. Ich sage: »Ich bin glücklich.«
ZEIT: Das ist hierzulande eine Provokation.
Rocchi: Noch. Leider. Noch besteht ja auch die Regierung dieses Landes aus sieben Bundesräten. Sie führen ein kleines Schiff im nordischen Meer zwischen Eisbergen, Sturm und hungrigen Bären, angetrieben von einem Motor vom Typ Fiat 500.
ZEIT: Die Schweizer verachten ihren Bundesrat und wünschen sich gleichzeitig, er möge sie endlich durch dieses Meer führen.
Rocchi: Aber der Bundesrat kann, darf, soll ja nicht führen! Das ist vom System nicht vorgesehen. Es ist an der Zeit, die Finken der Bundesräte durch Lackschuhe zu ersetzen.
ZEIT: Muss die Schweiz in die EU?
Rocchi: Ich trete auch in Deutschland und Österreich auf. Das muss ich. Einfach, um zu sehen, ob ich dort bestehen kann. So ist es auch mit der Schweiz. Sie muss nach Europa, um zu schauen, ob sie dort bestehen kann. Und sie wird es können. Es ist etwas passiert. Ich kann heute als Schweizer Kabarettist in Deutschland sagen: »Ich bin Schweizer« – und die Leute grölen nicht sofort los. Ich muss nicht mehr den Schweizer als einen Marsmenschen geben.
ZEIT: Emil ist tot.
Rocchi: Emil ist nicht tot, zum Glück.
ZEIT: Natürlich, er ist nur noch ein Geist seiner selbst.
Rocchi: Es gibt Nummern von Emil, die sind unsterblich. Aber wir brauchen die Jungen im Theater. Es gibt immer eine Art zu sein in Europa. Ich sage den Schweizern: Habt keine Angst!
ZEIT: Sie sind ein guter Botschafter der Eidgenossenschaft.
Rocchi: Wahrscheinlich nicht für alle. Aber ich bin überall Schweizer. Die Schweiz war und ist der Traum von vielen. Das muss man ausnutzen. Wir sollten aufhören, andere zu vertreten, wir sollten uns vertreten. Wenn Guido Westerwelle sagt, wir seien für Deutschland mehr als ein Nachbar, dann müssen wir misstrauisch werden: Wir wohnen nicht in der gleichen Wohnung! Was wollt ihr von uns? Die Schweiz ist ein Thema. In Italien gibt es keinen Wähler mehr, es gibt nur noch Fernsehzuschauer. In der Schweiz aber ist das noch anders. Blocher wurde abgewählt, das war für mich eine Art der politischen Entsorgung, die etwas gezeigt hat: Die Schweiz funktioniert. Das Land sollte einfach in den Spiegel schauen und nicht mehr nach hinten. Wir sind klein, aber wir können etwas.
ZEIT: Sie sind Musterbeispiel für Integration: Sie sind zum Patrioten geworden.
Rocchi: Und ich stehe dazu! Ich bin einfach Schweizer geworden. Dafür habe ich mich auch angestrengt. Wir Schweizer sind lustig. Und das ist ein Kompliment. Es ist Zeit für eine neue Bewegung oder für eine neue Partei. Man sollte einen Ideen-Shop eröffnen, wo man sich treffen kann, um sich auf das Neue zu verständigen. Bei Merlot und Zürcher Geschnetzeltem. Ja, es ist eine spannende Zeit. Der einfache Blick- Schweizer existiert nicht mehr. Das ist Vergangenheit. Leider hat das der Blick selbst noch nicht gemerkt.
ZEIT: In diesem Land wird irgendetwas anders, aber man hat noch keinen Namen dafür?
Rocchi: Genau! Die Blume der Schweiz ist nicht die Tulpe, das langweiligste Gewächs, das Gott je erschaffen hat, nein, es ist das Edelweiß, eine asymmetrische Pflanze mit einem Pelz wie ein Tier.
ZEIT: Das Edelweiß ist noch kein Name für das Neue.
Rocchi: Ja. Vielleicht wäre »Normalität« ein Wort, vielleicht »Alltag«.
ZEIT: Sie sind ein echter Schweizer geworden. Sie sind reich geworden.
Rocchi: Mein Publikum macht mich wohlhabend. Ich habe jetzt einen Namen, und jetzt investiere ich mein Geld in Ideen und in junge Mitarbeiter. Aber ich bezahle die Rechnungen meiner Mitarbeiter nach der Vorstellung immer sofort. Die drei wichtigsten Dinge in meinem Leben als Schweizer sind: das Wahlrecht, die Steuern und die AHV-Nummer. Ich bin glücklich.
ZEIT: Ich würde eher sagen: Sie haben sich entschlossen, glücklich zu sein.
Rocchi: Wie sollte ich anders! Hier baut man Wege für Frösche! Nein, im Ernst: Die Schweizer sollten sich die Angst abgewöhnen. Die Welt braucht uns als jemanden, dem man vertrauen kann.
ZEIT: Wann hassen Sie die Schweiz?
Rocchi: Eine schöne Frage für Massimo. »Hassen« ist ein Verb, das ich nicht kenne. Ich leide aber, wenn ich zum Beispiel mein Fahrrad neben dem dafür
vorgesehenen Ort parkiere – und ein Schweizer kommt und sagt: »Eigentlich ist das nicht erlaubt.« Es gibt viele selbst ernannte Polizisten in der Schweiz, die gerne moralisieren. Der echte Polizist ist mir viel lieber. Er schickt eine Buße – und fertig!
Das Gespräch führte Peer Teuwsen


