Eingebürgert mit Bravour (Neue Zürcher Zeitung, 14.11.09)
Massimo Rocchis formidable Premiere im Zürcher Stadthof 11
Müsste man sich den Pass mit weissem Kreuz durch besondere Meriten um das Land verdienen, hätte Massimo Rocchi das spätestens jetzt bravourös geschafft. Der vor bald zwanzig Jahren aus Italien gekommene Komödiant setzt im jüngsten Programm die Registerwechsel und Pointen mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks, nur tausendmal beseelter. Mit der bestechend choreografierten Mixtur aus Slapstick und Kabarett hat er das Zürcher Premierenpublikum am Donnerstag bis zu Standing Ovations hingerissen.
Seine Position als Eingewanderter, der gleichzeitig Beobachter und Teilhaber der Schweiz GmbH ist, nutzt Massimo Rocchi, dieses mittlerweile tatsächlich eingebürgerte Temperamentsbündel, seit Jahren für Montagen und Demontagen helvetischer Eigenarten. Zum Markenzeichen herangereift ist sein Akzent, der das Bernische neu einfärbt und sogar das Hochdeutsch heimelig erscheinen lässt.
So ist es auch in diesem Programm, das in Anlehnung an ein Online-Nachschlagewerk «RocCHipedia» heisst. Hier wie dort ist der Wahrheitsgehalt des versammelten Wissens nicht über alle Zweifel erhaben. Virtuos strapaziert er die historische Genauigkeit, diesmal mit der Geschichte der Eidgenossenschaft im Fokus – von Morgarten über Marignano zur Hochrenaissance und zum Wesen der Schweizergarde. Hinzu kommen Spitzen zu zeitgenössischen Akteuren. Auch wenn er im aktuellen Politkalender von Libyen bis F/A-18 blättert, ja gar Einwürfe aus den Zuschauerrängen einflicht, zeugen Timing und Leichtigkeit des Vortrags von Extraklasse.
Selbst die für Kleinkunst eigentlich zu grosse Bühne des Theaters 11 in Oerlikon, auf der sein leider nur drei Vorstellungen kurzes Zürcher Gastspiel stattfindet, füllt Rocchi mit seiner Präsenz spielend. Das gilt keineswegs nur dann, wenn er hampelt wie ein Arlecchino oder mit grosser pantomimischer Könnerschaft Ross und Reiter zugleich gibt, bis kein Auge mehr trocken bleibt.
Es gilt auch für Momente, in denen man sich an die subtile Kraft eines Emil erinnert fühlt. Wie dieser mag auch er die meisten seiner karikierten Figuren zu sehr, um sie den Schenkelklopfern preiszugeben, und braucht kaum Hilfsmittel. Als einziges Requisit dient ihm eine Baustellenabschrankung, Symbol vieler Aspekte der helvetischen Mentalität und Aufhänger für ein köstliches Bonmot: Nicht weil sie kaputt wären, wird auf unseren Autobahnen ständig gebaut, sondern weil sie kaputtgehen könnten.
14. November 2009, Neue Zürcher Zeitung, Urs Bühler


